seidenkranz olk50 Jahre ist es an diesem Samstag her: Die Spvgg. Erkenschwick traf im Achtelfinale des DFB-Pokal auf den FC Bayern München. Kapitän Karl-Heinz Seidenkranz erinnert an das denkwürdige Fußball-Spektakel im Stimberg-Stadion. Wenn Karl-Heinz Seidenkranz vom größten Spiel seiner Laufbahn erzählt, dann ist er schnell bei den mehr als 20 000 Zuschauern im Stimberg-Stadion. „Alle schrien ‚Erkenschwick, Erkenschwick‘. Ich bekomme heute noch weiche Knie, wenn ich daran zurückdenke“, sagt der 73-Jährige.

 Wimpeltausch vor großer Kulisse: Werner Olk (Bayern, r.) und Karl-Heinz Seidenkranz. Foto: Pölking (MHB-Archiv)

 Beeindruckt von der Stimmung im Rund waren damals, am 4. Februar 1967, offenbar auch die Profis des FC Bayern München. Wie der spätere Weltmeister Hans-Georg Schwarzenbeck, Seidenkranz’ Gegenspieler im Achtelfinale um den DFB-Pokal. „Bei euch ist ja die Hölle los“, raunte „Katsche“, der damals 19 Jahre junge Münchener Verteidiger, dem Erkenschwicker Stürmer zu.

Die Bayern kamen am Stimberg dann auch ziemlich ins Schwitzen. 75 Minuten lang hielt die Verbandsliga-Elf von Trainer Kalli Matejka erstklassig mit. Herbert „Ecki“ Sochacki glich in der 73. Minute per Foulelfmeter die Bayern-Führung durch Gerd Müller aus (68.). Erst als Müller wenig später zum zweiten Mal traf (78.), war der Drittligist geschlagen. Ohlhauser sorgte für den 1:3-Endstand (79.).

Dass die Spvgg. als erster Amateurverein nach dem Krieg, der das DFB-Pokalachtelfinale erreichte, auf den großen FC Bayern treffen würde, stand seit dem 14. Januar fest. Abends wurde gelost, nachmittags empfing die Spvgg. noch den BV Selm am Stimberg. Ein Gegner, den die Mannschaft unter normalen Umständen hätte schlagen müssen. „Wir haben 0:1 verloren“, berichtet „Kalla“ Seidenkranz.

Region im Ausnahmezustand

Der war damals 23 Jahre alt, bereits seit zwei Jahren Kapitän und hat noch heute Verständnis: „Es wollte sich keiner verletzen. Wir sind alle nicht richtig in die Zweikämpfe gegangen.“ Aus gutem Grund. Als abends das Los Spvgg. und Bayern zusammenführte, befanden sich Klub und Region im Ausnahmezustand. Karl-Heinz Seidenkranz: „Wir Spieler kamen ja aus Oer-Erkenschwick, aus Recklinghausen, aus Marl oder Datteln. Das ganze Vest stand hinter uns.“

Der Kapitän war bei der Stadt Oer-Erkenschwick beschäftigt: „Bei mir stand das Telefon nicht still. Auf der Suche nach Karten riefen viele von auswärts bei der Stadt an, und die wurden dann zu mir durchgestellt. Sogar aus Leonberg bei Stuttgart hat ein Bayern-Fan angerufen und um eine Tribünenkarte gebeten.“

23 800 Fußball-Fans sollen das Spiel live erlebt haben. So viele haben nachher nie wieder die Stadion-Tore am Stimberg passiert. Bayern-Manager Robert Schwan meinte nach dem Pokalfight: „Die Garantie kann ich geben: Wenn Erkenschwick so weiter macht, sind sie in drei Jahren in der Bundesliga.“ Ganz so hoch hinaus ging es nicht, 1969 stieg der Klub immerhin in die Regionalliga auf, damals die 2. Liga.

Seidenkranz selbst bekam Besuch von Hennes Weisweiler: Der legendäre Trainer von Borussia Mönchengladbach wollte den schnellen Angreifer verpflichten. Doch der hielt der Spvgg. die Treue, 15 Jahre lang. Seine ganze Laufbahn über.

Für heute Abend, auf den Tag genau 50 Jahre nach dem denkwürdigen Fußballnachmittag, hat der Kapitän seine Mannschaft noch einmal zusammengetrommelt. So wie er das in den vergangenen Jahrzehnten immer wieder mal getan hat.

Im Stimbergpark-Hotel wird nicht nur über das Pokalspiel geredet. „Was macht dein Knie? Wie geht’s deiner Hüfte? Das sind in unserem Alter ja wichtige Fragen“, sagt „Kalla“ Seidenkranz schmunzelnd. „Aber selbstverständlich ist das Spiel weiter das Thema. Irgendeinem fällt immer noch eine Anekdote ein, die nicht alle kennen.“

Bei den Schwarz-Roten ist die Partie unvergessen. Und ein kleines bisschen auch beim Gegner. 2012 reiste Bayern-Torhüter Sepp Maier mit der Uwe-Seeler-Traditionself nach Datteln. Im Telefonat mit unserer Redaktion erkundigte sich der Weltmeister von 1974, wo das denn im Ruhrgebiet genau liege, dieses Datteln. Antwort: Na, bei Erkenschwick natürlich. Mehr brauchte es nicht – Maier war sofort im Bilde: „DFB-Pokal. Ich erinnere mich noch genau. Mann, was haben wir uns damals schwergetan.“

Ein schöneres Kompliment kann man der Erkenschwicker Elf nach all den Jahren kaum machen.

Quelle: Stimberg-Zeitung

Ein ausführliches Video-Interview mit dem damaligen Kapitän „Kalla“ Seidenkranz gibt es bei unseren Kollegen im Netz: www.cityinfo.tv

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